Der Hund von Havanna

„LIZET……LIZEEEET!“

„SI“

„Tirá el llave!!“ „Wirf den Schlüssel‘!“

Nichts ist so schmerzhaft, wie einen Schlüsselbund zu fangen, der über fünf Stockwerke herunterfällt. Deswegen lässt ihn Doktor Julio geräuschvoll auf dem Asphalt knallen. Er hebt ihn auf und bedankt sich mit einem lauten „GRACIAS“. Wir öffnen die Eingangstür, die so aussieht als hätte dort Lizets Schlüsselbund dutzende Male aufgeschlagen.

Doktor Julio ist ein kubanischer Arzt, der neben seinem Job als Koordinator und Sprecher eines des „canal educativa“, einem Bildungsfernsehkanal in Kuba, die Alten Havannas aktiviert. Liebevoll und mit gekonntem Charme eines Fernsehmenschen kümmert er sich um seine Abuelas und Abuelos. „Je aktiver sie sind, desto mehr Lebensqualität haben sie!“.

Wir bringen den Schlüssel wieder zurück zu Lizet in den fünften Stock, die uns schon erwartet. Sie ist 80 und ihr Mann Luis 93 Jahre alt. Schon seit 55 Jahren sind sie verheiratet und wohnen seitdem in dieser Wohnung im Havanna vieja gleich hinter der Meerespromenade, dem Malecon. Julio hat mich schon vor ihrem Hund gewarnt: „Der ist alt, klein und mag keine Männer!“. Ich war also vorbereitet. Aber mit diesem blanken Hass, den mir dieses etwas zu breite Tier mit kurzen Beinen entgegenbringt, habe ich nicht gerechnet. Jede meiner Bewegung beantwortet der Hund mit enormen Gebell in Sopranstimmlage. Ein Wunder dass Luis und Lizet überhaupt noch was hören! Sie lieben ihr Tier innig und können es beruhigen.

Mit Luis gehen wir sogleich auf das Dach des Hauses. So sieht Havanna also von oben aus! Das Meer, die Stadt, die seit der Revolution nicht viel Veränderung erfahren hat, all das kann man von hier aus gut sehen. Gleich werde ich erfahren, dass die sozialistische Revolution in Kuba noch immer lebt und dass Lizet von Dr. Ernesto Guevara persönlich verarztet wurde.

Luis war Lizets Schüler bei der Alphabetisierungskampagne, die nach dem Beginn der Revolution im Jahre 1961 begonnen wurde. Gleich danach taten sie, was vor der Revolution noch streng verboten war. Sie, die Weisse heiratet ihn, einen Schwarzen. Sie bekamen fünf Kinder.

Dr. Julio beginnt mit seinen Interviews für sein Projekt, „Arte d´todos“, wo ich den fotografischen Teil übernehme. Bei Arte´d todos geht es um die Aktivierung von den Abuelos durch Kunstschaffen, ohne das sie es je formal erlernt haben. Bei Luis ist es die Musik und bei Lizet die Malerei.

Ich habe nun die Erlaubnis beide zu fotografieren. Während Dr. Julio mit Luis spricht, geht Lizet zurück zu ihrem Maltisch, setzt sich langsam hin und beginnt an ihrem aktuellen Werk weiterzumalen. Der Hund ist zwiegespalten: „Soll ich den Gringo verbellen oder leg ich mich mal hin?“. Ich verhalte mich so ruhig wie möglich, denn in meinem Kopf habe ich bereits eine Idee: Lizet malt und der Hund dazu!

Tatsächlich bewegt er sich in Richtung Lizets Stuhl und mit einem leichten Ächtzen und Gähnen kippt er genau darunter auf die Seite. „Bitte bleibt so!!“, denke ich während meine Finger auf der Kamera langsam von einem Knopf zum anderen gleiten und jedes noch so leises Knacken der Einstellräder wird mit einem argwöhnischen Blick des Hundes gewürdigt. Ich schaffe es, die Belichtung manuell auf 1/125 Sekunden und Blende 4 einzustellen, damit die Schärfentiefe noch passt und trotz des dunklen Raumes keine Verwackelung droht. Die Sensorempfindlichkeit lasse ich bei den schon vorher eingestellten ISO 400.

Was wird er tun, wenn ich den Auslöser drücke und der Spiegel nach oben klappt? Ich löse aus, der Hund dreht blitzschnell seinen Kopf zu mir, bellt, nein er brüllt in Tonlagen, die mir fast einen Trommelfellriss bescheren, wälzt sich seinem Alter gemäß hoch und galoppiert,  so schnell ihn seine kurzen Beine tragen, weiterhin bellend, zu mir um mich endgültig um mein Gehör zu bringen. Zum Glück ermüdet er nach dieser Anstrengung rasch und Luis befiehlt mit einem kräftigem und bestimmten: „RUHE!“, sich zu verrollen. Der Hund gehorcht und ich bin gerettet.

Da ich auf keine zweite Chance auf diese Bildkomposition hoffen darf, kontrolliere ich das Foto auf dem Kameradisplay mit der 100% Ansicht. Schärfe und Fokus stimmen und die eine Blende zu dunkel sind reparierbar. Ich bin glücklich.

Offensichtlich hat sich der Hund auch beruhigt und sich an mich gewöhnt, denn danach wurde jede Auslösung nur mehr mit einem leichten Knurren quittiert.